Einführung in die Sanskrit-Sprache – Teil 4

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Die Sanskrit-Grammatik ist sehr vielfältig. So kennt man bei der Deklination der Substantive verschiedene Wortstämme und auch bei der Konjugation der Verben unterscheidet man verschiedene Verbalwurzeln.
In diesem Beitrag kann nur ein Beispiel der Deklination eines Substantivs des Wortstamms deva wieder gegeben werden. Auf die Konjugation der verschiedenen Verbalwurzeln wird hier nicht eingegangen.​

Einleitung

Dieser 4. und letzte Teil der Einführung in die Sanskrit-Sprache befasst sich mit der Sanskrit-Grammatik, Aussprache und Verslehre.

Die Themen der weiteren Teile dieser Einführung lauten:

Die Sanskrit-Grammatik

Im Sanskrit gibt es je acht verschiedene Fälle (Kasus) für den Singular, Dual *) und Plural. Somit ergeben sich 24 verschiedene Endungen, wenn man ein Wort dekliniert (siehe nebenstehendes Bild). Im Vergleich gibt es im Deutschen nur je vier Fälle für Einzahl (Singular) und Mehrzahl (Plural), wodurch nur 8 verschiedene Endungen entstehen. Dadurch kann man im Sanskrit Wörter präziser ausdrücken, was z.B. im Deutschen nur durch Verwendung von Attributen (z.B. Adjektive) möglich ist.

*) Sanskrit kennt zusätzlich den Dual: die zwei

Nebenstehendes Bild zeigt die acht Fälle im Singular für das Wort deva (Gott).

Dies ist nur ein kleines Beispiel, das die Komplexität der Sanskrit-Grammatik aufzeigen soll.

So wie es bei den Substantiven verschiedene Wortstämme gibt, welche wiederum anders dekliniert werden, so gibt es auch bei den Verben verschiedene Verbalwurzeln, welche eine andere Konjugation zur Folge haben.

Hinweise zur Aussprache

Die Aussprache und Betonung der Sanskrit-Wörter wird in Indien oft durch die lokale Landessprache beeinflusst. So hatte z.B. Yogi Paramapadma Dhirananda’s Aussprache der Sanskrit-Wörter, entsprechend seiner Muttersprache Bengali, einen bengalischen Akzent.

Die klassische Aussprache der einzelnen  Sanskrit-Buchstaben (Vokale und Konsonanten) ist in Einführung in die Sanskrit-Sprache – Teil 3 beschrieben.

Wortverbindungen (Sandhi)

Grafik Beispiele der Sandhi-Regeln

Die Sanskrit-Texte der verschiedenen Schriften werden oft gesungen. Damit diese beim Rezitieren gut tönen, werden die entsprechenden Sanskrit-Wörter miteinander verbunden.
Dies nennt man auf Sanskrit Sandhi.
Es gibt ca. 50 verschiedene Sandhi-Regeln, welche definieren, wie die Wörter verbunden werden müssen. Nebenstehend einige Beispiele.

Im vedischen Sanskrit (siehe Einführung in die Sanskrit-Sprache – Teil 1) gab es noch keine klaren Regeln zur Bildung des Sandhi. Manchmal wurden die Wörter verbunden, manchmal nicht.

Bevor ein einzelnes Wort eines Textes im Wörterbuch nachgeschlagen werden kann, muss zuerst der Sandhi aufgelöst werden.

Text mit verbundenen Wörtern (Sandhi):

Beispiel eines Textes mit Sandhi verbundenen Wörter

Auflösen des Sandhi in einzelne Wörter:

Die Verslehre (chandas)

Die indische Verslehre oder chandas gehört zu Vedāṅga, den sechs vedischen Hilfswissenschaften. Darin ist definiert, wie viele Silben und pādas (Zeilen) ein śloka enthält und wie die einzelnen Silben gewichtet werden (kurz oder lang).

Zunächst aber der Unterschied zwischen śloka und sūtra:

  • Śloka – wörtlich >Vers, Strophe<, ist das wichtigste Versmass der Veden und der Epen, z.B. Rāmāyāṇa, Mahābhārata und Bhagavadgītā. Es besteht eine genaue Metrik der Verse, gemäss der chanda-Lehre (siehe unten).
  • Sūtra – wörtlich >Faden, Leitfaden<, sehr knapp formulierte Lehrsprüche (Aphorismen) z.B. Yogasūtra, Brahmasūtra, Dharmasūtra.

Bemerkung: In Indien wird oft śloka als Überbegriff verwendet und nicht zwischen sūtra und śloka unterschieden.​

Die vedischen ślokas weisen verschiedene Versmasse (Metriken) auf, bei denen die Anzahl Zeilen (pāda) und die Anzahl Silben pro Zeile variieren.

Unten stehend die sieben wichtigsten Versmasse:

  • Gāyatrī:      enthält 24 Silben zu 3 pāda mit je 8 Silben
  • Uṣṇuk:        enthält 28 Silben zu 4 pāda mit je 7 Silben
  • Anuṣṭubh:   enthält 32 Silben zu 4 pāda mit je 8 Silben *)
  • Bṛhatī:        enthält 36 Silben zu 4 pāda mit 8 + 8 + 12 + 8 Silben
  • Pankti:        enthält 40 Silben zu 4 pāda (manchmal 5 pāda)
  • Triṣṭubh:     enthält 44 Silben zu 4 pāda mit je 11 Silben
  • Jagatī:        enthält 48 Silben zu 4 pāda mit je 12 Silben

*) dies ist der typische śloka der klassischen Sanskritdichtung, siehe Beispiel unten

Die chanda-Lehre definiert auch, wie die einzelnen Silben innerhalb eines pāda gewichtet werden, das heisst, ob sie kurz oder lang betont werden.

Sri Aurobindo schreibt in ‚das Geheimnis des Veda‘ S. 262 f.:

„Im System der Mystiker, das teilweise in den Schulen des indischen Yogas überlebt hat, ist das Wort eine Macht, das Wort schafft. Denn alle Schöpfung ist Ausdruck, alles existiert bereits in der verborgenen Stätte des Unendlichen, guhā hita, und muss hier nur vom aktiven Bewusstsein als Erscheinungsform herausgebracht werden. Gewisse Schulen des vedischen Denkens gehen sogar davon aus, dass die Welten von der Göttin Wort geschaffen wurden und dass Ton als erste ätherische Schwingung der Gestaltung vorangegangen sei. Im Veda selbst gibt es Stellen, die die dichterischen Versmaße der heiligen Mantras – anuṣṭubh, triṣṭubh, jagatī, gāyatrī – als symbolisch für die Rhythmen ansehen, in denen die universale Bewegung der Dinge gestaltet wird.

Durch Ausdruckgebung erschaffen wir also, und es wird sogar von den Menschen gesagt, dass sie die Götter in sich durch das Mantra erschaffen. Wiederum können wir das, was wir in unserem Bewusstsein durch das Wort geschaffen haben, dort durch das Wort fixieren, damit es Teil unserer Selbst und wirksam wird nicht nur in unserem inneren Leben, sondern auch in der äußeren physischen Welt. (…)

Das mantra ist, obgleich es Denken im Mental ausdrückt, in seinem wesentlichen Teil nicht eine Schöpfung des Intellekts. Um das geheiligte und wirksame Wort zu sein, muss es als Inspiration von der supramentalen Ebene, die im Veda tam, die Wahrheit, genannt wird, gekommen und im oberflächlichen Bewusstsein entweder durch das Herz oder durch die erleuchtete Intelligenz, manīṣa, empfangen worden sein. In der vedischen Psychologie ist das Herz nicht darauf beschränkt Sitz der Emotionen zu sein. Es schließt jenes weite Feld spontaner Mentalität ein, das dem Unterbewussten in uns am nächsten steht, woraus die Empfindungen, Emotionen, Instinkte, Impulse und alle jene Institutionen und Inspirationen entstehen, die durch diese Mittlerkräfte reisen, bevor sie in der Intelligenz zur Form gelangen.“

Vāc (Sanskrit: „Laut“, „Sprache“ oder „Rede“)

ist eine vedische Göttin (siehe nebenstehendes Bild), welche auch mit Sarasvatī (Göttin des Lernens) oder Bharatī gleichgesetzt wird.

Sie ist die personifizierte Form der Sprache oder Rede, welche der uranfängliche Stoff der Schöpfung ist (am Anfang war das Wort oder Oṁ). So ist Sarasvatī die Ehefrau vom Aspekt des Gottes als Schöpfer (Brahmā oder Prajāpati).

Hier endet der vierteilige Beitrag ‚Einführung in die Sanskrit-Sprache‘.

Ich danke Wilfried Huchzermeyer für die Durchsicht des Textes und für seine Korrekturvorschläge.